In den vorherigen Beiträgen haben wir gelernt welche Einflussfaktoren bei unserer «Firing Solution» in welcher Form zu berücksichtigen sind. So kennen wir aktuell die ballistischen Werte unserer Systemkonfiguration sowie die theoretischen Grundlagen für die Höhenkorrektur und die Seitenkorrektur. Wie wenden wir dieses Wissen nun jedoch in der Praxis an? Dazu benötigen wir unsere «Function Tables» sowie ein geeignetes Berechnungsformular um die «Final Firing Solution» zu ermitteln.

Dieser Beitrag ist Teil einer Serie von Artikeln rund ums Thema «K31 Sniper», der K31 als Long Range Gewehr:

Die «Function Tables»

Sofern du unsere «Function Tables» noch nicht heruntergeladen hast, tue es jetzt!

Die «Function Tables» bestehen aus «Primary Functions», alle notwendigen Referenzwerte um eine zu erwartende Geschossflugbahn zu errechnen, sowie den «Secondary Functions», weitere Referenzwerte und Informationen zur Beurteilung der «Firing Solution».

Die Erläuterungen in diesem Beitrag beziehen sich auf unsere eigenen «Function Tables» welche wir basierend auf unserer Systemkonfiguration ermittelt haben. Diese können grundsätzlich zum Starten verwendet werden. Um jedoch genaue Referenzwerte zu erhalten, solltest du dir Zeit nehmen und die für deine Systemkonfiguration korrekten «Function Tables» erstellen.

Die «designated Standards» – Systemkonfiguration und Zero Conditions

Unsere Basiswerte für alle 7.5×55 und einen durchschnittlichen Karabiner 31 in Originalzustand

Kaliber7.82 mm | .308 inch
Ballistischer Koeffizient (BC G7)0.277
Geschossgewicht (BW Bullet Weight)11.3 Gramm | 174 Grains
Mündungsgeschwindigkeit (MV V0)
bei einer Temperatur von 10°C
777 m/s | 2549 fps
Lauflänge652 mm | 25.67 inch
Drall270 mm | 1:10.63 inch | RH Rechtsdrall

Unsere Systemkonfiguration

SystemKarabiner 31 System mit Originallauf (Zustand gut)
Setupin Wyssen Defence (WD) Sniper Chassis
MündungsbremseWD 2 Kammer Mündungsbremse
ZielfernrohrBushnell Elite Tactical 6-24×50, MRAD G2DMR Absehen in der 1. Bildebene (FFP), 0.1 mil Klicks
Zielfernrohrhöhe59 mm | 2.32 inch – Visierlinie über Laufseele
ZielfernrohrmontageWD Picatinny Schiene mit ERA TAC Blockmontage (30 mm Ringdurchmesser, 15 mm BH, 20 MOA Vorneigung)
Einschussentfernung100 Meter – Fleck

Unsere meteorologischen Basiswerte

Höhe über Meer800 Meter
Luftdruck920 mbar
Lufttemperatur10°C
Luftfeuchtigkeit65%

«Primary Functions»

Auf jeder Linie, Entfernung jeweils in Schritten zu 100 Meter, findest du die Referenzwerte der verschiedenen Einflussfaktoren. Nachfolgend eine kurze Erläuterung zu den einzelnen Spalten.

Range in Meter

Die gemessene oder berechnete Entfernung (TR oder AHR, siehe vorheriger Beitrag) zum Ziel. Zu beachten: je nach Einflussfaktor ist die Linie mit der korrekten Entfernung zu referenzieren. Ist das Ziel 615 Meter entfernt aber wir schiessen in einem Winkel von 20% bergauf oder bergab (Formel: TR 615m * Kosinus 0,94 = AHR 578m), gilt für die TR-Faktoren die 600m-Linie und für die AHR-Faktoren die 500m-Linie als Referenzwert. Keine Angst – das Berechnungsformular sagt dir, was zu tun ist!

SUPER Elevation in MRAD

Der Geschossabfall (Drop) in MIL in Bezug auf unsere Einschussentfernung der errechneten Geschossflugbahn auf Basis der «Designated Standards» (Systemkonfiguration und meteorologische Basiswerte).

Baro Pressure, Muzzle Velocity, Ambient Air Temp

Durchschnittlicher Korrekturwert in MIL bei einer Veränderung des Referenzwertes des entsprechenden Einflussfaktors (Luftdruck, Mündungsgeschwindigkeit und Lufttemperatur). Die zweite Spalte, neben dem Korrekturwert des entsprechenden Einflussfaktors in kleiner Schrift, beinhaltet den zu berücksichtigenden Korrekturwert bezüglich der Luftfeuchtigkeit bei einer Veränderung von 0-100% (siehe auch Punkt Humidity).

Vertical Coriolis

Vertikaler Korrekturwert bezüglich der Erdrotation, den sogenannten Coriolis-Effekt. Die Referenzwerte entsprechen dem «full value», ähnlich dem Wind, wenn genau gegen Westen oder Osten geschossen wird. Auch hier kann die «Clock Method» verwendet werden um die Abweichung zur «full value» zu bestimmen.

Humidity 0-100%

Korrekturwert bei einer 100%-igen Veränderung der Luftfeuchtigkeit. Daraus ergibt sich folgendes. Wird bei einer aktuellen Luftfeuchtigkeit von 50% geschossen und unsere Referenzwerte sind mit einem «designated Standard» von 65% berechnet, entspricht dies einer Veränderung von 15%. Dazu ein konkretes Beispiel basierend auf unserer Systemkonfiguration. Bei einer Veränderung von 15% beträgt der Korrekturwert für ein 1000m entferntes Ziel 0.009 MIL. Damit wird deutlich, dass die Veränderung der Luftfeuchtigkeit für den effektiven Einsatzbereich des Karabiner 31 nicht relevant ist.

Windage 4m/s

Korrekturwert bezüglich der Windgeschwindigkeit. Warum 4 m/s? Selbstverständlich kannst du auch einen anderen Standard verwenden. Da sich der Korrekturwert linear zur Veränderung der Windgeschwindigkeit verhält, empfehlen wir eine gerade Zahl die gut geteilt werden kann – «Standardwerte» für DMR-Situationen hast du ja eventuell bereits in deinem Absehen markiert. Mit 4m/s lassen sich folgende Werte sehr schnell ableiten: 2m/s, übliche Windgeschwindigkeit wenn es nicht windstill ist, 8m/s, maximale Windgeschwindigkeit bei dem das Ziel noch verhältnismässig einfach getroffen werden kann. Die Referenzwerte entsprechen dem «full value» wenn der Wind genau aus 3 oder 9 Uhr weht. Hier ist ebenfalls die «Clock Method» zu verwenden um die Abweichung zur «full value» zu bestimmen.

Spin Drift

Horizontaler Korrekturwert bezüglich der Geschossrotation. Diese Referenzwerte sind statisch da das Geschoss bei den festgelegten «Designated Standards» immer dieselbe Rotation hat. Zu beachten: bei einem Lauf mit Rechtsdrall (RH) ist der Referenzwert eine Negativ-Korrektur (nach links), bei einem Linksdrall (LH) eine Positiv-Korrektur (nach rechts).

Horizontal Coriolis Drift

Horizontaler Korrekturwert bezüglich der Erdrotation, den sogenannten Coriolis-Effekt. Diese Referenzwerte sind ebenfalls statisch da sich die Erdoberfläche immer gleich schnell dreht. Einziger Unterschied – wird in der nördlichen Hemisphäre geschossen ist der Referenzwert eine Negativ-Korrektur (nach links), in der südlichen Hemisphäre eine Positiv-Korrektur (nach rechts).

Target Lead

Korrekturwert bezüglich der Bewegungsgeschwindigkeit des Ziels (Mover). Grundsätzlich gilt beim Target Lead dasselbe wie bei der Windkorrektur. Definiere einen für dich passenden Standard und verwende die «Clock Method» um die Abweichung zur «full value» zu bestimmen.

«Secondary Functions»

Range in Meter, SUPER Elevation in MRAD und MOA, Bullet Drop in cm

Wie in den «Primary Functions» findest du in diesen ersten 4 Spalten Informationen zum Geschossfall (Drop) in Bezug auf unsere Einschussentfernung von 100m. Es kann hilfreich sein, den Drop auch in anderen Masseinheiten zur Hand zu haben. Wenn dein Zielfernrohr beispielsweise MIL-Klick Türme hat aber ein MOA-Absehen. Oder du mit einem Absehen ohne MIL-Skala, beispielsweise ein klassisches Jagd-Absehen, über das Ziel «halten» musst. Auch wenn wir beides auf keinen Fall empfehlen, können wir es unter besonderen Umständen nicht ausschliessen.

Maximum Ordinate

Unter «Maximum Ordinate» versteht man den höchsten Punkt der Geschossflugbahn in Bezug auf die gesamte Flugdistanz. Die Referenzwerte geben insbesondere Auskunft über folgende Gegebenheiten: Distanz (Range) in Meter und Prozent der gesamten Flugbahn sowie Höhe (Height) in Meter und Prozent im Verhältnis zum gesamten Geschossfalls bei welcher der höchste Punkt erreicht wird.

Remaining …

Die Werte in den Spalten «Remaining…» (restlich) geben Auskunft über die verbleibende Geschwindigkeit bzw. Energie bei der entsprechenden Distanz. Interessant sind besonders diese Werte: Velocity in m/s (zeigt die Geschossgeschwindigkeit), Mach (unter 1 Mach verliert das Geschoss an Stabilität) und Energy in Joules (zeigt die Einwirkungsenergie auf das Ziel).

Flight Time in Sekunden

Die Geschossflugzeit bis die definierte Distanz erreicht wird, kann aus der Spalte «Flight Time» entnommen werden. Verändern sich beispielsweise die Gegebenheiten zwischen Schütze und Ziel während der Flugzeit, wir denken an Objekte die sich durch oder in die Geschossflugbahn bewegen, ist dieser Wert entscheidend um vorausschauend zu agieren. Dank dem Wissen über die Geschossflugzeit liesse sich auch eine grobe Einschätzung der Distanz ermitteln – das bringt uns jedoch in der Regel nichts, da wir die Distanz sowieso schon ermittelt haben und ein Treffer auf ein «klingendes» Ziel in unbekannter Entfernung lediglich Zufall wäre.

Wind Deflection

Die Werte geben Auskunft über die, durch die festgelegte Windgeschwindigkeit, zu erwartenden Abweichung in Zentimeter zur Geschossflugbahn bei windstillen Verhältnissen.

Danger Space

Je länger die Distanz zum Ziel ist, umso genauer muss die Entfernungsmessung sein um dieses bei eventuellen Messungsfehlern noch zu treffen. Die ermittelte Fehlertoleranzspanne nennen wir «Danger Space».

Beispiel
Bei einer festgelegten Zielradiusgrösse von 17.5cm (kann je nach Anforderung natürlich variieren, bspw. ist bei der Jagd ein Zielradius von 4cm üblich), gemessen vom Haltepunkt, beträgt der Danger Space bei einer Zieldistanz von 100 Meter 0 – 220 Meter und bei 800 Meter 788 – 812 Meter.

Wie ist das zu verstehen? Ein Ziel das wir bei einer Entfernung von 100 Meter schätzen, würden wir also auch dann noch in den Zielradius von 17.5cm treffen, wenn es effektiv 0 oder 220 Meter entfernt wäre – zugegeben ein unwahrscheinlicher Messungsfehler. Etwas realistischer: das von uns auf 800 Meter Entfernung geschätzte Ziel, ergibt einen Danger Space von 788 – 812 Meter, ist in Wahrheit nur 750 Meter entfernt, also mehr als 12 Meter weiter oder näher als geschätzt, überschiessen wir.

«Firing Solution Form» – die Berechnung der Geschossflugbahn

Die vorgängigen Erklärungen sollten soweit alle Fragen geklärt haben. Nicht? Lass den Kopf nicht hängen – Übung macht den Meister! Anfänger verlieren bei dieser Informationsflut schnell den Überblick. Um das zu verhindern gibt es ein gutes Hilfsmittel, das «Firing Solution Form».

Um was geht es dabei? Einfach gesagt, du überträgst alle ermittelten Werte aus den «Function Tables» in die dafür vorgesehenen Felder, berechnest die angegebenen Formeln und erhältst deine «Final Firing Solution». Zugegeben, so einfach ist es nicht ganz. Daher einige nützliche Tipps zum Formular.

  1. Beginne zuerst mit der Höhenkorrektur
  2. Ermittle die TR und die AHR, daraus ergibt sich auch der Angle of Fire
  3. Übertrage dann die Korrekturwerte «Correction Values» aus den «Primary Functions» in die entsprechenden Felder (Barometric Pressure bis SUPER ELEVATION). Achte darauf, dass du für jeden Wert die richtige Entfernung (TR und AHR) referenzierst – je Feld angegeben mit «use TR» oder «use AHR».
  4. Dann kommen die Formeln! In das erste Feld gehören die Werte aus den «Designated Standards», …
  5. …ins zweite Feld schreibst du die aktuell gemessenen Werte (da hilft dir dein Kestrel!).
  6. Nun rechnest du alle Formeln. Die anzuwendende Formel steht links neben den Feldern unter dem Titel – der jeweilige Corr Value hast du ja bereits oben in die «Correction Value» Felder geschrieben.
  7. Übertrage das Resultat aus den berechneten Formeln in die Spalte «Indexed» und bestimme, ob du den Wert zur «Super Elevation» addierst oder subtrahierst – Erklärung dazu findest du links neben der Spalte «HoldOff».
  8. Wenn du alle Werte zusammenzählst, erhältst du deine FINALE HÖHENKORREKTUR.
  9. SUPER!!! …und jetzt das Ganze noch für die Seitenkorrektur
  10. …dann hast du deine «FINAL FIRING SOLUTION»!

Fazit, oder Übung macht den Meister!

Die Beitrags-Serie «K31 Sniper – Final Firing Solution» liefert eine Vielzahl von nützlichen Informationen und gibt Einblick in das Handwerkzeugs eines Long Range Schützen. Du hast gelernt, dass beim Schiessen auf lange Distanzen nicht nur die «Trigger Control», Kontrolle des Abzugs, und der «Flow of Shooting», Ablauf von Zielerfassung bis Zieltreffer, entscheidend sind.

Noch einmal die wichtigsten Punkte aus dieser Beitrags-Serie zusammengefasst:

  1. «Viel» hilft viel!
  2. Exakt arbeiten ist Pflicht!
  3. Ein Fehlschuss passiert nicht einfach so!
  4. Ein Absehen FFP (erste Bildebene) ist Hui – SFP (zweite Bildebene) ist Pfui!

Sofern du die Beiträge der beiden Serien «Ballistik des K31» sowie «K31 Sniper – Final Firing Solution» gelesen hast, kennst du alle notwendigen Grundlagen und bist in der Lage, deine «Final Firing Solution» zu bestimmen, zu berechnen und zu analysieren. Alles was du jetzt noch brauchst, ist ÜBUNG!

Bereit für’s Feld?

Wir haben dir hier noch einmal die «Function Tables» und das «Firing Solution Form» zum Herunterladen und üben bereitgestellt. Mit diesen beiden Hilfsmitteln, gepaart mit dem Wissen zu deren Anwendung, bist du bereit um dein Können im Feld unter Beweis zu stellen.

Denk daran – es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen! Also fleissig üben und dranbleiben.

K31 Functions Tables mit Firing Solution Form zum herunterladen


Auf dem Laufenden bleiben?