Im vorherigen Beitrag haben wir gelernt wie wir bei unserer «Firing Solution» die Höhenkorrektur berechnen. In diesem Artikel beleuchten wir die Seitenkorrektur und lernen den Einfluss von Wind und Erdrotation richtig zu korrigieren.

Dieser Beitrag ist Teil einer Serie von Artikeln rund ums Thema «K31 Sniper», der K31 als Scharfschützengewehr:

Der Wind, der Wind, das himmlische Kind …

…, oder der Graus jedes Long Range Schützen! Soweit war alles mathematisch berechenbar oder über Konstanten klar definiert – nicht so der Wind! Die Bestimmung der Windgeschwindigkeit sowie der Windrichtung und damit die korrekte Berechnung des zu erwartenden Einflusses auf die Geschossflugbahn, gehören zu den schwierigsten Herausforderungen eines Long Range Schützen. Unterschiedliche Windeinflüsse bedingt durch unterschiedliche Geländeformen und Böen während der Schussauslösung machen den Wind zu einem unberechenbaren Einflussfaktor.

In der Praxis wird versucht unberechenbare Einflussfaktoren möglichst zu vermeiden. So geschieht die Schussauslösung, wenn immer möglich bei konstantem Wind, oder die Schussabgabe erfolgt in kürzest möglichem Abstand zur Korrekturangabe durch den Spotter. Eine vorausschauende Beurteilung der kommenden Ereignisse ist daher unabdingbar. Auch die Gelände bedingten Einflüsse werden im Vorfeld beurteilt um einen möglichst genauen Durchschnittswert über die gesamte Schussdistanz, also von Schiessposition bis zum Ziel, zu ermitteln.

Einsatz eines Windmessers

Die einfachste Methode um die Windgeschwindigkeit zu messen, ist ein Windmesser (beispielsweise der Firma Kestrel). Gute Windmesser zeigen nicht nur die Windstärke an, sondern sind vielmehr kleine meteorologische «Alleskönner». So geben sie ebenfalls Auskunft über Temperatur, Luftdruck, Luftfeuchtigkeit und vieles mehr. Ja sogar ballistische Basiswerte können erfasst werden. Wir empfehlen daher jedem Long Range Schützen die Anschaffung und den Einsatz eines guten Windmessers um möglichst viele Funktionen in einem einzigen Gerät vereint zu haben.

In der Praxis gehören Windmesser genauso zur Ausrüstung wie ein gutes Fernglas. Nicht dass es auch ohne gehen würde, aber die Vorteile überwiegen in jedem Fall. Einzig der Fakt, dass ein Windmesser in der Regel nur an einem Standort die Windgeschwindigkeit misst, ist besonders im Long Range Schiessen ein wesentlicher Nachteil. Schlussendlich müssen wir die Windverhältnisse auf der gesamten Geschossflugbahn kennen und nicht nur beim Schützen.

Bestimmung der Windgeschwindigkeit und Windrichtung durch Beobachtung

Da der Windmesser keinen abschliessenden Wert bezüglich der Windgeschwindigkeit und insbesondere auch der Windrichtung geben kann, braucht es in jedem Fall eine weitere Variante um die Messung zu verifizieren oder grundsätzlich für die gesamte Entfernung beurteilen zu können. So bestimmen wir die Windgeschwindigkeit und Windrichtung zusätzlich durch Beobachtung verschiedener zur Verfügung stehender Objekte über die gesamte Schussdistanz. Dazu zählen in der Regel Grashalme und Zweige, Bäume und Sträucher, oder im Idealfall Wimpel, Fahnen oder sogar aufgehängte Wäsche.

Durch die Beobachtung der Bewegung dieser Objekte können Windgeschwindigkeit und Windrichtung mit etwas Erfahrung ausreichend ermittelt werden. Wichtig ist dabei das Objekte in verschiedenen Entfernungen beobachtet werden, um den Einfluss des Geländeprofils «lesen» zu können. Ein geübter Schütze schiesst mit beiden Augen geöffnet und kann somit sowohl Ziel wie auch Windreferenzpunkt im Auge behalten.

StärkeBezeichnungm/skm/hBeispiele
0Windstille0 – 0,2< 1Rauch steigt senkrecht auf
1leiser Zug0,3 – 1,51 – 5Windrichtung angezeigt durch den Zug des Rauches
2leichte Brise1,6 – 3,36 – 11Wind im Gesicht spürbar, Blätter und Windfahnen bewegen sich
3schwacher Wind3,4 – 5,412 – 19Wind bewegt dünne Zweige und streckt Wimpel
4mässiger Wind5,5 – 7,920 – 28Wind bewegt Zweige und dünnere Äste, hebt Staub und loses Papier
5frischer Wind8,0 – 10,729 – 38kleine Laubbäume beginnen zu schwanken, Schaumkronen bilden sich auf Seen
6starker Wind10,8 – 13,839 – 49starke Äste schwanken, Regenschirme sind nur schwer zu halten, Telegrafenleitungen pfeifen im Wind
7steifer Wind13,9 – 17,150 – 61fühlbare Hemmungen beim Gehen gegen den Wind, ganze Bäume bewegen sich
8stürmischer Wind17,2 – 20,762 – 74Zweige brechen von Bäumen, erschwert erheblich das Gehen im Freien
9Sturm20,8 – 24,475 – 88Äste brechen von Bäumen, kleinere Schäden an Häusern (Dachziegel oder Rauchhauben abgehoben)
10schwerer Sturm24,5 – 28,489 – 102Wind bricht Bäume, grössere Schäden an Häusern
11orkanartiger Sturm28,5 – 32,6103 – 117Wind entwurzelt Bäume, verbreitet Sturmschäden
12Orkanab 32,7ab 118schwere Verwüstungen

In der Praxis wird die Genauigkeit der Windmessung abhängig von Zielgrösse und Zielentfernung gewählt. So verzeiht ein näheres Ziel eine ungenauere Bestimmung der Windgeschwindigkeit oder ein «gefühltes» Vorhalten eher, als ein weit entferntes Ziel. Daraus lässt sich folgende Verhaltensregel ableiten:

Je weiter entfernt oder kleiner das Ziel ist, umso genauer muss die Windmessung erfolgen.

Mirage (Luftspiegelung) – Fluch und Segen, oder doch dein Freund und Helfer?

Nein, gemeint ist nicht das alte Kampfflugzeug der Schweizer Armee! Die Luftspiegelung (engl. Mirage) ist ein optischer Effekt, der durch die Ablenkung von Lichtstrahlen an unterschiedlich warmen Luftschichten verursacht wird, wodurch Landschaften oder Gegenstände gespiegelt werden (Quelle: Wikipedia). Jeder hat schon einmal diesen Effekt gesehen, denn der Mirage-Effekt ist immer vorhanden nur ist er teilweise nicht sichtbar. Die Mirage ist ein guter Anhaltspunkt für die Beurteilung der Windrichtung, aber auch der Windgeschwindigkeit.

Wie ist der Mirage-Effekt zu erkennen

Als Schütze kann der Effekt als Hitzeschlieren im Zielfernrohr wahrgenommen werden. Je höher die Vergrösserung, desto stärker der Effekt. Wie die Beobachtung von Objekten, erfolgt das «lesen» der Mirage durch das Zielfernrohr. Um die Mirage zu erkennen, darf nicht das eigentliche Ziel scharf gestellt werden. Der Fokus sollte stattdessen auf der Hälfte bis zweidrittel der Geschossflugbahn liegen.

Nachteile des Mirage-Effekts

Der Nachteil der Mirage ist jedoch, dass teilweise so starke optische Veränderungen oder Verzerrungen hervorgerufen werden, dass der Schütze das Ziel kaum noch erkennen kann oder Position und Entfernung falsch beurteilt. Insbesondere an sehr heissen Tagen oder bei heissgeschossenem Lauf ist der Mirage-Effekt sehr gut erkennbar. Um den Mirage-Effekt über dem Lauf zu eliminieren, kann ein Flimmerband eingesetzt werden. Das ist aber nicht in jeder Situation praktikabel, wir empfehlen daher darauf zu verzichten.

Wann ist die Mirage zu lesen

Mirage ist besonders wertvoll bei sich ständig in der Richtung verändernden Rücken- bzw. Gegenwind. Mit zunehmender Windstärke ist es von Vorteil, die aus der Beobachtung der Mirage gewonnenen Erkenntnisse mit den von Fahnen und Windtabellen gelieferten Werten zu vergleichen. Bei Wind über 8-10 mph (etwa 3-5 m/s) sollte die Mirage nur bei ständig die Richtung wechselndem Rücken- bzw. Gegenwind (fishtail winds), und auch nur dann in Verbindung mit den Fahnen, beachtet werden.

So liefert die Mirage, bei sehr schwachem Wind, die besten Hinweise über die Windverhältnisse zwischen dem Schützen und dem Ziel. Ihre Reaktion auch auf kleine Veränderungen erfolgt fast augenblicklich.

Wo soll die Mirage gelesen werden

In der Praxis wird der Mirage-Effekt insbesondere für die Beurteilung der Windgeschwindigkeit und Windrichtung auf «halbem Weg» der Geschossflugbahn genutzt. Die Mirage auf der ersten Hälfte der Geschossflugbahn liefert die wichtigsten Hinweise. Das Zielfernrohr auf die Mitte der zu schiessenden Entfernung scharf einzustellen ist jedoch ein guter Kompromiss, da dadurch auch das Ziel noch klar genug zu erkennen und auch die ab Flugbahnmitte (zweite Hälfte bis dreiviertel) auftretende Mirage gut sichtbar ist.

Arten der Mirage:

BOILING (siedend)

DRIFTING (dahintreibend)

FLOWING (fliessend)

RUNNING (zerlaufend)

Windkorrektur berechnen – die «Clock Method»

Wir haben nun gelehrt wie mit verschiedenen Methoden die Windrichtung und auch die Windstärke geschätzt werden kann. Aber was machen wir nun mit diesen Werten?

Die Berechnung der Windkorrektur

Um eine möglichst genaue Windkorrektur zu berechnen, mitten wir alle Windgeschwindigkeitswerte der beobachteten Windreferenzpunkte – das gibt unsere durchschnittliche Windgeschwindigkeit – und referenzieren auf unseren «Function Tables» den für die aktuelle Zielentfernung korrekten Korrekturwert.

Basiert der Korrekturwert auf einer Windgeschwindigkeit von bspw. 4m/s und wir schiessen bei 2m/s ist der Wert zu halbieren. Schiessen wir mit 8m/s ist der Wert zu verdoppeln – daraus folgt, der Korrekturwert einer bestimmten Zielentfernung verhält sich betreffend Veränderung der Windgeschwindigkeit linear. Der ermittelte Wert ist unsere Windkorrektur, welche im Zielfernrohr indexiert wird, oder über das Absehen als Vorhaltemarke dient (Indexed oder HoldOff – dazu aber später mehr).

Achtung!
Das gilt natürlich nur bei einem Wind von 3 oder 9 Uhr, also bei einer vollen Windkorrektur (full value). Wenn nämlich der Wind direkt auf uns zu kommt, oder uns in den Rücken bläst, hat der Wind einen zu kleinen Einfluss auf unsere Geschossflugbahn und wir nehmen bezüglich dem Wind keine Seitenkorrektur vor. Was aber wenn der Wind von schräg vorne bläst? Dafür gibt es die «Clock Method».

Die «Clock Method»

Wie der Name sagt, bezieht sich die Methode bei der Richtungsbestimmung auf eine Uhrzeit (siehe Grafiken). Das tönt einfach? Ja, ist es auch. Für jede «volle Stunde» (Uhrzeit) gibt es einen Prozentwert der die Einflussstärke des Windes auf unsere Geschossflugbahn bestimmt. Dies ist unsere Konstante welche wir für die Berechnung der finalen Windkorrektur benötigen. Die empfohlenen Konstanten sind je nach Lehrschrift unterschiedlich, also am besten selber testen und die richtigen Konstanten für deine Systemkonfiguration finden.

Windkorrektur (full value) in MIL * Konstante in %
= finale Windkorrektur

Ein Beispiel
Bläst der Wind mit 4m/s aus 7 Uhr, also eine Konstante von 50%, ergibt das einer «full value» Windkorrektur von 3.8mil folgende Berechnung: 3.8mil * 50% = 1.9mil finale Windkorrektur.

Windberechnung mit einer Konstante

Eine weitere Möglichkeit um den Korrekturwert für die Windabdrift zu berechnen bietet folgende Formel.

(Entfernung zum Ziel / 100 * Windgeschwindigkeit in m/s) / Konstante = Windkorrektur in MIL

Die Formel basiert ebenfalls auf einer Konstanten die, wie gewohnt, je nach Systemkonfiguration und den meteorologischen Einflüssen variieren kann.

Beispiel
Wir schiessen in den Bergen bei einem Luftdruck von 890mbar und einer Temperatur von 10°C. Unser Ziel befindet sich genau 525 Meter entfernt und wir gehen von einer durchschnittlichen Windgeschwindigkeit von 4m/s aus. Die berechnete Konstante haben wir auf 20 festgelegt.

Berechnung vereinfacht: (5.25 * 4) / 21 = gerundet 1mil

Zugegeben eine einfache Berechnung die auch sehr schnell erledigt ist. Leider wird es mit mehreren Dezimalstellen zunehmend komplizierter und nur noch «Mathe-Genies» können die Berechnung innert Sekunden korrekt erledigen – für «Normalos» und faule Leute ist der Griff zum Taschenrechner die einzige Lösung.

In der Praxis wird, wenn immer möglich, auf die Berechnung von Formeln verzichtet. Insbesondere wenn diese nicht schnell im Kopf gerechnet werden können, denn der Griff zum Taschenrechner kostet Zeit.

Weitere Faktoren bei der Seitenkorrektur – Spin Drift und Coriolis Effect

Der «Coriolis-Effect»

Wie wir wissen dreht sich unsere Erde um eine Achse – die Erdrotation. So unglaublich das im ersten Augenblich auch tönen mag, aber auch diese hat einen Einfluss und ist insbesondere bei sehr langen Schussdistanzen zu berücksichtigen. Unterschieden wird in vertikaler und horizontaler Coriolis. Der Einfluss beider Werte ist jedoch bezüglich der Systemkonfiguration Karabiner 31 und 7.5×55 erst ab einer Schussdistanz von etwa 1000 Meter (Abweichung von maximal 0.1mil) entscheidend. Auf unsere festgelegte effektive Einsatzdistanz von 800 Meter (Abweichung von maximal 0.06mil) ist der «Coriolis-Effect» daher vernachlässigbar. (siehe dazu auch unsere «Function Tables»).

Die «Spin Drift»

Etwas anders verhält es sich mit dem «Spin Drift» – die Geschossrotation. Einfach erklärt: da das Geschoss im Lauf zur Stabilität während des Fluges in Rotation versetzt wird, fliegt es nicht ganz gerade was zu einer leichten Abweichung führt. Zu plump? Ja, aber wir möchten nicht Physik unterrichten, sondern schiessen. Kennst du schon die YouTube-Serie von SNIPER101? Da findest du alle Antworten zu diesem Thema detailliert erklärt. Trotzdem müssen wir uns kurz mit dem Thema «Spin Drift» beschäftigen, da bei unserer Systemkonfiguration Karabiner 31 mit 7.5×55 bereits bei einer Schussdistanz ab 300 Meter eine Abweichung von 0.1mil berücksichtigt werden muss. Die Abweichung bleibt dann jedoch über unsere gesamte effektive Einsatzdistanz von 800 Meter (Abweichung von 0.2mil) sehr gering. Alle notwendigen Werte findest du in unseren «Function Tables».

Fazit, und die Erkenntnis, dass die Höhenkorrektur bedeutend einfacher war

Wir haben nun sowohl die Höhenkorrektur wie auch die Seitenkorrektur ermittelt. Sofern du beide Beiträge sowie alle Beiträge zum Thema Ballistik des K31 gelesen hast, solltest du in der Lage sein, eine vollständige und korrekte «Firing Solution» zu bestimmen. Ist dem so? Dann bist du bereit fürs Feld!

Wenn nicht, geben wir dir im nächsten Beitrag noch einen genaueren Einblick in die «Function Tables» und zeigen dir, wie du diese mit dem «Firing Solution Form» benutzt.

Die Berechnung der zu erwartenden Geschossflugbahn

Wir haben dir hier noch einmal die «Function Tables» zum Herunterladen bereitgestellt und mit einem «Firing Solution» Formular ergänzt. Mit diesen beiden Hilfsmitteln, gepaart mit dem Wissen zu deren Anwendung, bist du in der Lage genaue und auch komplexere Entscheidungsfindungen für die Korrektur zur Schussabgabe zu berechnen.

K31 Functions Tables mit Firing Solution Form zum herunterladen


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